Was versteht man unter Autismus?

Was ist Autismus?

Nach aktuellen Klassifikationssystemen sind Autismus und Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) Entwicklungstörungen, die sich sowohl durch qualitative Einschränkungen im sozialen und kommunikativen Verhalten als auch durch ein limitiertes Verhaltensrepertoire, sowie eingeschränkte Interessen und Aktivitäten äußern (DSM-5, American Psychiatric Association, 2013). Aktuell wird davon ausgegangen, dass dieser lebenslangen Entwicklungsstörung neurobiologische Ursachen, sowie eine starke genetische Komponente zugrunde liegen.

Warum wird es auch Autismus-Spektrum-Störung genannt?

Autismus ist als Spektrum anzusehen: angefangen mit Menschen, die nur in geringem Maße Besonderheiten im Verhalten und Erleben aufweisen (d. h. Schweregrad 1, früher beschrieben und unterteilt in hochfunktionalen Autismus und Asperger-Syndrom) bis hin zu stark betroffenen Menschen (d. h. Schweregrad 3, früher als Kanner-Syndrom, (früh)kindlicher Autismus oder niedrigfunktionaler Autismus bekannt).

Welche Kriterien muss man für die Diagnose erfüllen?

Derzeitige Diagnosekriterien unterscheiden zwischen ASS, die mit oder ohne begleitende intellektuelle Einschränkungen sowie Sprachstörungen einhergehen. Diese müssen bereits in frühen Entwicklungsstadien auftreten oder aufgetreten sein, und klinisch relevante Beeinträchtigungen im sozialen und/oder beruflichen Umfeld hervorrufen. ASS kann durch spezialisierte Ärzte bzw. Psychologen bereits bei Kleinkindern im Alter von 18 Monaten erkannt und ab einem Alter von 30 Monaten sicher diagnostiziert werden (Gillberg et al., 1996). Frühe Anzeichen der Störung, wie zum Beispiel Defizite im Augenkontakt, können bereits im ersten Lebensjahr auftreten (Jones & Klein, 2013). In den vergangenen Jahren wurde die Notwendigkeit von Früherkennung und Intervention betont, damit mit den Besonderheiten besser umgegangen werden kann. Hierzu wurden diagnostische Tests wie der M-Chat (Modified Checklist for Autism in Toddlers) oder der CARS (Childhood Autism Rating Scale) entwickelt,  die auf eine möglichst früh gestellte Diagnose abzielen. Ebenso existieren Checklisten für die betroffenen Eltern, die durch Autismusorganisationen (z. B. Autism Speaks oder Autimus e. V.) zur Verfügung gestellt werden.

Welche Auffälligkeiten kann es bei der sozialen Kommunikation und Interaktion geben?

Im Bereich sozialer Kommunikation und Interaktion zeigen sich oft Besonderheiten in der sozial-emotionalen Wechselseitigkeit (es kommt beispielsweise nicht zwangsläufig zu einer geregelten, wechselseitige Konversation; Interessen, Emotionen und Affekt werden nur bedingt oder auf andere Art und Weise mit anderen geteilt; Initiierung oder Erwiderung sozialer Interaktionen können fehlschlagen). Es besteht in der Kommunikation eher ein Fokus auf Direktheit und weniger auf durch Redensarten vermittelte Inhalte. Auch wird weniger durch nonverbale Signale kommuniziert (wie beispielsweise weniger oder kein Augenkontakt bzw. keine Körpersprache oder auch Einschränkungen beim Verstehen und Einsetzen von Gestik und Mimik). Außerdem haben die Betroffenen eventuell Schwierigkeiten Beziehungen aufzubauen, aufrechtzuerhalten und nachzuvollziehen (z. B. wenn es darum geht, ihr Verhalten an den sozialen Rahmen anzupassen, oder sich in Rollenspiele hineinzuversetzen, oder aber Freunde zu finden bzw. Interesse für Gleichaltrige aufzubringen).

Welche Verhaltensauffälligkeiten können auftreten?

Die eingeschränkten Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten können stereotype Motorbewegungen beinhalten, sowie den stereotypen Gebrauch von Objekten und Sprache (z. B. stereotype Bewegungsstörungen; Aufreihen von Spielsachen oder Umdrehen von Gegenständen; Echolalie; Gebrauch idiosynkratischer Phrasen). Des Weiteren besteht bei einigen Personen ein Wunsch, auf Gleichförmigkeit oder ritualisierten Verhaltensabläufen zu beharren (wie das starke Bedürfnis, täglich den selben Weg zu gehen oder das gleiche zu essen), sowie stark eingeschränkte und fixierte Interessen, welchen mit außergewöhnlicher Intensität und Fokussierung nachgegangen wird (z. B. starke Bindung zu ungewöhnlichen Objekten; exzessive, sehr spezifische Interessen). Auch finden sich erhöhte Empfindlichkeit oder verminderte Reaktionen auf sensorische Stimuli (z. B. offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz- oder Temperaturreizen; starke Reaktionen auf bestimmte Geräusche oder Oberflächenbeschaffenheiten) sowie ein ungewöhnliches Interesse an sensorischen Umgebungseigenschaften (wie exzessives Riechen oder Anfassen von Objekten; visuelle Faszination von Lichtern und Bewegungen).

Literatur

  • American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). Washington, DC: Author.
  • Gillberg, C, Nordin, V, & Ehlers, S. (1996). Early detection of autism. Diagnostic instruments for clinicians. European Child & Adolescent Psychiatry, 5, 67-74.
  • Jones, W., & Klin, A. (2013). Attention to eyes is present but in decline in 2-6-month-old infants later diagnosed with autism. Nature, 504, 427-433.